Warum wir echt mies sind im Kampf gegen chinesische Online Shopping Scams

Die Anzahl an chinesischen Online Shopping Scams steigt stetig, so z.B. am 3. August 2020 vom FBI dargestellt. Potentielle Käufer werden durch Lockangebote, Werbeschaltungen auf sozialen Plattformen (vor allem Facebook und Instagram) und durch Treffer in Suchmaschinen zu solchen Webseiten gelockt.

Fällt man auf einen chinesischen Online Shopping Scam rein, sind die Beschwerden der Käufer alle ähnlich: Ware nicht erhalten, Ware hat nichts mit der Abbildung zu tun, Rücksendung nach China teuer oder nicht möglich, Ware riecht unangenehm.

Zwar gibt es Gruppen auf sozialen Medien, die vor solchen chinesischen Online Shopping Scams warnen, sowie eine Vielzahl von Webseiten mit dem Anspruch, eine Bewertung für solche Shops angeben zu können. Aus der Vielzahl der Bewertungsseiten sei für Deutschland beispielshaft de.trustpilot.com erwähnt. Das Problem ist meiner Meinung nach aber, dass viele Käufer sich nicht die Mühe machen, vor dem Kauf den Webshop bzw. den Verkäufer zu recherchieren. Zweites Problem: die chinesischen Fake-Webshops sprießen schneller aus dem Boden als Pilze am ersten sonnigen Herbstag.

Schreckt viele dabei auch die technische Sprache ab? TLS, SSL-Zertifikat, HTTPS, Domainname, IP-Registrierung, Webhoster. Es geht auch anders, wie zum Beispiel die Verbraucherzentrale Bayern mit einem leicht verständlichen Artikel und einer interaktiven Grafik zeigt.

Was die vom Bund geförderten Verbraucherzentralen aber nicht schaffen und auch nicht wollen, ist vor einzelnen Fake-Webshops zu warnen. Dafür sind Dynamik und Anzahl einfach zu groß.

Randnotiz: Mit ähnlichem Namen aber ohne Auftrag durch den Bund findet man auch Informationen bei verbraucherschutz.de und www.verbraucherschutz.com. Die WirtschaftsWoche hat einen kritischen Artikel über diese „Copycats“ veröffentlicht. Wie auch bei den Chinesen gilt: Impressum kontrollieren, Geschäftsmodell der Seite verstehen.

Nun aber zu den Punkten, die meiner Meinung nach zu dem provokanten Titel des Artikels führen:

  1. Seriöse Informationen im Internet werden vermischt mit unseriösen Angeboten von Webshops

Wie hier am Beipiel https://www.anwalt.org/verbraucherschutz/ zu sehen, wird dem Betreiber der Webseite anwalt.org per Google Ad Services die Werbung von „Modetalente“ eingespielt:

Modetalente“ gilt allgemein als Paradebeispiel eines chinesischen Online Shopping Scams: geklaute Bilder (fehlender Kopf der Modells), Aufdrucke auf den Artikeln mit Photoshop bearbeitet (der Aufdruck in der Mitte erscheint zweidimensional und folgt nicht den natürlichen Stofffalten), sehr günstige Preise und Rabatte, ein abenteuerliches Impressum (auf der Webseite IMPRESSUN) genannt.

Es kommt aber noch besser: Selbst auf der Seite von verbraucherschutz.com, auf der vor dem Betreiber ChicV aus Hongkong und „Modetalente“ gewarnt wird, wird mir dessen Werbung eingespielt:

Warum prüft Google nicht die Legitimität deren Werbekunden? Ist der Werbemarkt so angespannt, dass man selbst mit dieser Firma Geschäfte machen muss?

2. Dubiose Anbieter auf seriösen Verkaufsplattformen

Apropos Überprüfung der Legitimität von Anbietern. Die Daten des chinesischen Anbieters „FantasyMonroe“ werden auf Amazon wie folgt angegeben, man beachte Name und Geschäftsadresse:

Liebe Amazon, ist das euer Ernst?

Neben Amazon sind aber auch die beiden größten Online Shopping-Plattformanbieter zu kritisieren: Shopify und Shoplazza. Beide bieten eine Verkaufsplattform in der Cloud an, sind aber nicht selbst der Verkäufer. Der Verkäufer und seine Ware werden nicht geprüft, wie es AliExpress ausdrückt:

3. Wertlose Vertrauenssiegel

Webshops werben mit Siegeln (Logos) von Firmen wie VeriSign, Symantec, Norton und McAfee. Diese Firmen sind in der Sicherheitsindustrie gut bekannt und deren Logos sollen beim Käufer Vertrauen erzeugen. Die Bilder zum Einbinden dieser Logos sind einfach im Internet zu finden. Am Beispiel des Webshops rheinwing.de:

Obwohl vor dieser Firma (Labubu Limited) im Internet gewarnt wird und ich sowohl Norton, VeriSign als auch McAfee diesbezüglich angeschrieben habe, werden die Siegel weiterhin angezeigt. NortonLifeLock geht sogar soweit, die Webseite trotz mehreren Hinweisen von mir weiterhin als „OK SAFE“ anzuzeigen:

Von McAfee habe ich wenigstens diese Antwort erhalten: „The TrustedSite trustmark currently being displayed on this site is not genuine“, passiert ist aber seit dem 03.05.2021 nichts. Die Aussage von McAfee lässt sich theoretisch mit dem „McAfee SECURE“ Plug-in für Google Chrome bestätigen, da ist man als normaler Verbraucher aber gleich wieder tief in der Technik.

Bei VeriSign hat mich lediglich das Verisign Customer Affairs Office darüber informiert, dass dieses Thema zur Firma Symantec verlagert wurde. Das war´s.

Am 10.05.2021 eine neue Antwort von NortonLifeLock zur Verwendung des Norton SECURED Siegels: „Dieser Webseitenbesitzer hatte die Erlaubnis erhalten“. Argh! Der Norton SECURED Siegel sagt im besten Fall lediglich aus, dass der Webshop ein DigiCert Zertifikat zum Verschlüsseln der Transportverbindung gekauft hat: „DigiCert SSL certificates come with Norton Seal that has won the trust of millions of users and ensures about the site’s safety.“. Was soll der Verbraucher damit anfangen?

Mein Resümee daraus: Diese Sicherheits- und Vertrauenssiegel sind aus Verbrauchersicht absolut wertlos.

4. Gekaufte Bewertungen

Leider kommt es nicht selten vor, dass vermeintlich gute Bewertungen gekauft werden. Nachfolgend ein Beispiel von Amazon:

Ich selbst habe tatsächlich auch schon ein Angebot erhalten, bei dem ein „Geschenk“ für eine gute Bewertung versprochen wurde. In diesem Fall sollte ich eine chinesische ActionCam bewerten und hätte eine Speicher-Karte („SD card“) dafür umsonst erhalten. Ein Kommentar dazu eines anderen Käufers:

Selbst auf den Bewertungsportalen wie TrustPilot kommt es manchmal zu Betrug mit gefälschten Bewertungen:

Auch ist es sinnvoll jede Bewertung aufmerksam zu lesen. 5 Sterne sind nicht immer 5 Sterne:

5. Datenschutz

Was hat der Datenschutz mit dem Kampf gegen chinesische Online Shopping Scammer zu tun? Ganz einfach: Datenschutz ist der Grund nicht mehr zu erfassen bzw. nicht mehr anzuzeigen, wer einen Domainnamen wie „rheinwing.de“ registriert hat. Der deutsche Anbieter DENIC begründet dies mit dem Grundsatz Datensparsamkeit aus der EU DSGVO.

Beim Kampf gegen Fake-Shops muss man nun entweder nachweisen können, dass man persönlich von den womöglich rechtswidrigen Inhalten des Webshops betroffen ist oder den Rechtsweg gehen. Auch bei dem Registrar united-domains sind diese Informationen seit dem 25. Mai 2018 nicht mehr offen zugänglich.

Eine mögliche Lösung

Eine mögliche Lösung für diese Probleme muss für mich einfach zu bedienen sein, ohne technische Hürden daherkommen und eine breite Akzeptanz beim Verbraucher finden. Mir ist zur Zeit nichts bekannt, was diese Anforderungen abdecken würde.

Vorstellen könnte ich mir einen in den Webbrowser integrierten Dienst („Plug-in“), der auf Knopfdruck in einfachen Worten eine Vertrauensaussage zu einem Webshop macht. Im Sinne des Dienstes „IP Whois & Flags Chrome & Websites Rating“ des Anbieters myip.ms. Diese App zeigt mit einem Knopfdruck neben technischen Informationen auch eine Reputation an. Allerdings gibt es zwei Probleme: Hinter myip.ms steht die kleine, dubiose Firma Delta Consultants Ltd. Außerdem funktioniert die Reputationsaussage nicht. So hat „modetalente.com“ eine 4-von-5-Sternebewertung, allerdings liegen dafür vier einzelne 1-Sternebewertungen von Benutzern der App vor, in denen teils sehr klare Worte gesprochen werden.

Diese suspekte Reputationsaussage wird von „World of Trust“ (WOT) zugeliefert. Wer ist der rechtliche Vertreter von WOT, an den ich mich mit Beschwerden wenden kann? Keine Ahnung. Wieder einmal eine Webseite ohne Impressum.

Alternativ könnte ich mir auch ein Vertrauenssiegel vorstellen, das wirklich funktioniert. Ähnlich dem Vertrauen, welches man einem TÜV-Stempel entgegenbringt. Der eine oder andere hat vielleicht schon so ein Gütesiegel mit dem Namen s@fer-shopping vom TÜV SÜD auf einer Webseite gesehen. Das Siegel verändert beim mouse-over die Farbe und kann angeklickt werden. Ausprobieren kann man das zum Beispiel bei allnatura.de. Wieviele Webshops haben dieses Siegel und wieviele Kunden kennen es? Genau, das ist das Problem.

Vielleicht sollte die Bundesregierung, statt dieses Thema obskuren Quellen im Internet zu überlassen, einen solchen Vertrauenssiegel für den Online-Handel im Internet über den Bundesverband der Verbraucherzentralen schaffen. Oder gleich über den Wirtschaftsschutz des BMI. Dieser hat sich ja den Schutz der deutschen Wirtschaft auf die Fahne geschrieben: „Vielfältige Sicherheitsrisiken gefährden deutsche Unternehmen und damit den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Deutschland. Ein funktionierender Wirtschafts­schutz liegt daher sowohl im Interesse als auch in der gemeinsamen Verantwortung von Politik, Sicherheits­behörden, Wirtschaft und Wissenschaft.“. Was anderes ist es, wenn deutschen Einzelhändlern Produktbilder und -beschreibungen gestohlen werden, ganze Webseiten kopiert werden und die Einnahmen zu Hinterhoffirmen in China abwandern?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.